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Arzt und Beruf
Telemedizin:
Standleitung zum
Arzt
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Telemedizin:
Standleitung zum Arzt

Zwar ist die Telemedizin als solche
nicht neu, dank moderner Datenübertragung
tritt sie aber erst jetzt in eine Phase
der stürmischen Entwicklung, die
die Medizin der Zukunft nachhaltig prägen
wird. Sie überbrückt problemlos
weite Distanzen, bringt Arzt und Patient
ohne Haus- oder Praxisbesuch zusammen,
sorgt für eine zeitaktuelle Beobachtung
chronisch kranker Patienten und
erleichtert die Konsultation erfahrener
Fachärzte. Dass dabei neue Fragen
(auch rechtliche) aufgeworfen werden,
ist nicht überraschend und soll
im folgenden Artikel diskutiert werden.
Herr S. leidet an Herzschwäche.
Er wird engmaschig überwacht, ohne
dass er ständig in die Arztpraxis
kommen muss. Jeden Morgen stellt er
sich auf eine elektronische Waage, die
das Wiegeergebnis an ein telemedizinisches
Zentrum sendet. Wird dort eine ungewöhnliche
Zunahme registriert, erhält der
Herzpatient einen Anruf mit dem Hinweis,
seinen Hausarzt aufzusuchen. Schon allein
das Wissen, dass er sorgfältig
überwacht wird, verschafft dem
Patienten Ruhe und Sicherheit. Seit
zwei Monaten nimmt er an einem Modellprojekt
teil, das auslotet, inwiefern Arzt,
Patient und Kostenträger von einer
telemedizinischen Betreuung profitieren.
Anfänge
der Telemedizin
Telemedizinische Verfahren sind jedoch
keineswegs neu. So existiert bereits
seit 75 Jahren der funkmedizinische
Dienst in Cuxhaven, der Schiffsärzte
oder die Crew auf hoher See berät.
In größerem Umfang hat sich
die Telemedizin seit den Achtziger Jahren
entwickelt. Als Triebkraft wirkten dabei
Expeditionen in Arktis und Antarktis
sowie die bemannte Raumfahrt. Auch Länder
mit dünn besiedelten, entlegenen
Gebieten wie Norwegen haben früh
Bedarf für telemedizinische Anwendungen
gesehen und deshalb Forschung und Entwicklung
vorangebracht.
In
den letzten Jahren hat sich die Telemedizin
in zahlreiche Bereiche aufgefächert,
wie Teleradiologie, Telepathologie oder
Telechirurgie. Vorreiter in der
Telemedizin waren Intensivmediziner
und Radiologen. Heute gibt es kein medizinisches
Fach mehr, das nicht Telemedizin einsetzt,
kommentiert Dr. rer. med. Bernd Schütze
vom Universitätsklinikum Essen
die Entwicklung (siehe Interview Dr.
Schütze).
Breites
technisches Spektrum
Die technologischen Möglichkeiten
der Telemedizin eröffnen facettenreiche
Anwendungsfelder. Manche sind schon
erprobte und gängige Praxis, andere
wie zum Beispiel die ferngesteuerte
Operation stecken noch in den
Anfängen. Zum technischen Spektrum
der Telemedizin werden u.a. folgende
Bereiche gezählt:
Die
Fernüberwachung von Patienten mit
Adipositas, Asthma, Diabetes, Hypertonie
und Herz- oder Niereninsuffizienz, aber
auch mit psychosomatischen oder psychiatrischen
Erkrankungen.
In der Teleradiologie können Röntgenbilder,
CT-Bilder oder MRT-Bilder an Kollegen
anderer Fachgebiete übermittelt
werden, die aus ihrem Blickwinkel Diagnose
und/oder Therapie bewerten können.
Bei Operationen ist es oft wichtig,
schnell festzustellen, ob ein Gewebe
maligne oder benigne ist. Steht in dem
entsprechenden Krankenhaus kein Pathologe
zur Verfügung, so kann die Gewebeprobe
in ein ferngesteuertes Mikroskop eingelegt
und der Pathologe eines anderen Krankenhauses
zur Beurteilung herangezogen werden.
Ähnlich wie in der Telepathologie
können in der Ophthalmologie Bilder
vom Auge an einen anderen Spezialisten
übermittelt werden, um z. B. eine
unklare Diagnose bestätigen zu
lassen oder andere Behandlungsmöglichkeiten
zu erfahren.
Mit Hilfe eines ferngesteuerten Operationsroboters
kann eine Operation von einem entfernt
gelegenen Ort vorgenommen werden.
Fernbetreuung des Patienten
Für niedergelassene Ärzte
eröffnet die Telemedizin die Möglichkeit,
chronisch kranke Patienten im Blick
zu behalten, ohne dass der Patient ständig
in die Praxis kommen muss oder ein Hausbesuch
notwendig ist. Ein solches Telemonitoring
ermöglicht kranken oder älteren
Menschen, länger in vertrauter
Umgebung zu leben und sich dennoch sicher
zu fühlen.
Schon
etabliert ist ein Telemonitoring von
Diabetikern und Hypertonikern. Auf dem
Markt sind Blutzuckermessgeräte
oder Blutdruckmessgeräte, die mit
einem Handy verknüpft werden und
die Messwerte automatisch per Handy
an die Arztpraxis oder ein telemedizinisches
Zentrum senden. In einer anderen Variante
werden die Daten über ein integriertes
Modem per Telefon an ein medizinisches
Servicezentrum weitergeleitet. So wird
engmaschig kontrolliert, wie sich der
Blutdruck des Patienten entwickelt.
Gerade nach einer Neueinstellung, Änderung
der Medikation oder Dosismodifikation
ist das ein entscheidender Vorteil.
Herzinsuffizienz
unter Kontrolle
Auch Patienten mit fortgeschrittener
Herzinsuffizienz profitieren von der
Telemedizin. Hier konnte der gesundheitsökonomische
Vorteil bereits gezeigt werden. Dekompensierte
Herzpatienten, die wiederholt in die
Klinik eingewiesen werden, gehören
zu den teuersten Patienten. Eine bessere
und kostengünstigere Versorgung
bietet eine telemedizinische Überwachung,
die neben einer Waage aus einem Handy
mit Bluetooth Standard sowie einer e-Health
Datenbank für Arzt oder Klinik
besteht.
Nach
Auswertung der Daten und einem Vergleich
mit den individuell festgelegten Gewichtswerten
des Patienten erhält der Arzt eine
Information oder einen Alarm-Report.
Wir konnten in unserer Studie
nicht nur eine erhebliche Kostenreduktion,
sondern überraschenderweise bereits
nach einem Jahr auch eine deutliche
Senkung der Mortalität zeigen,
hebt Professor Dr. med. Martin Middeke
vom Hypertoniezentrum München die
Ergebnisse der Studie hervor (siehe
Interview Prof. Dr. Middeke).
Kleidungsstück
mit EKG-Elektroden
Einen Schritt weiter als nur einzelne
Parameter wie Blutdruck, Blutzucker
oder Gewicht zu bestimmen, geht beispielsweise
der mobile Gesundheitsassistent, den
Institute der Fraunhofer-Gesellschaft
entwickelt und kürzlich als senSAVE®
(Sensor Assistance for Vital Events)
vorgestellt haben. Gerade die Überwachung
von Herzerkrankungen ist für Patienten
lästig, denn im täglichen
Leben sind Monitore und Kabel störend.
Inzwischen wurde eine hochflexible Trockenelektrode
entwickelt, die in die elastischen Fasern
eines Sensorhemdes eingearbeitet und
dem jeweiligen Träger angepasst
wird. Kleine Sensoren, die am Körper
des Patienten angebracht werden, messen
regelmäßig Blutdruck, Cholesterin
oder den Puls. Die Sauerstoffsättigung
des Blutes und die Pulswellenkurve werden
von einem kabellosen Pulsoximeter ermittelt,
das die Daten per Funk überträgt.
Patienten
mit Vorhoffflimmern bietet ein EKG-Gerät
im Scheckkartenformat neue Möglichkeiten,
denn die Rhythmusstörung muss während
des Anfalls aufgezeichnet werden, um
sicher diagnostiziert zu werden. Spürt
der Patient Symptome, presst er selbst
das kleine Tele-EKG auf die Brust. Vier
Elektroden auf der Rückseite des
Geräts erstellen ein EKG, das an
die Zentrale übertragen wird. Die
Hamburger Universitätsklinik Eppendorf
hat eine Tele-EKG-Monitoring-Zentrale
eingerichtet, mit der rund vierzig Kardiologen
im Hamburger Umfeld zusammenarbeiten.
Nachsorge
per SMS
Auch bei psychiatrischen und psychosomatischen
Erkrankungen wird ein Telemonitoring
erprobt. So kann beispielsweise die
für Bulimie- und Anorexia nervosa-Patienten
kritische Phase zwischen Klinikentlassung
und Beginn einer ambulanten Psychotherapie
überbrückt werden, indem die
behandelnden Ärzte oder Therapeuten
ihren Patienten einmal pro Woche eine
SMS senden. Dabei geht es um Standardfragen
nach Stimmung, Körpergewicht und
Essverhalten, die die Patienten mit
einer Einstufung zwischen 1 und 5 bewerten
und auf die die Therapeuten entsprechend
reagieren. So bleibt ein Kontakt zu
den Patienten gerade in der rückfallgefährdeten
Phase bestehen.
AGnEs
und TEMPiS
Zwei weitere Beispiele für erfolgreich
umgesetzte telemedizinische Projekte
firmieren unter den Akronymen AGnEs
und TEMPiS. Im August 2005 startete
in Mecklenburg-Vorpommern das Projekt
AGnES (Arzt-entlastende, Gemeinde-nahe,
E-Health gestützte, Systemische
Intervention), das seinen Kunstnamen
einer Fernseh-Krankenschwester verdankt.
Im Auftrag einer Rügener Hausarztpraxis
besucht eine Telegesundheitsschwester
die Patienten und überwacht unter
anderem die Nutzung von Telecare-Geräten.
Die erhobenen Daten werden in verschlüsselter
und pseudonymisierter Form an das zuständige
Institut verschickt. Treibende Kräfte
des AGnES-Projektes sind die demografische
Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern
sowie der Ärztemangel in ländlichen
Gebieten.
Um
Schlaganfallpatienten geht es bei TEMPiS
(Telemedizinisches Projekt zur integrierten
Schlaganfallversorgung in der Region
Süd-Ost-Bayern). Bei dem 2003 gegründeten
Projekt sind vierzehn bayerische Kliniken
mit den Schlaganfallzentren in München
und Regensburg über Datenleitungen
verbunden, die Live-Videokonferenzen
sowie das Übermitteln von Kernspin-
und Computertomographien ermöglichen.
Bei einem Notfall stellen die Schlaganfall-Experten
gemeinsam mit den Ärzten vor Ort
die Diagnose.
Sowohl
nach drei Monaten als auch nach einem
Jahr wiesen Patienten, die in das Projekt
TEMPiS eingeschlossen waren, weniger
Behinderungen auf als Patienten außerhalb
des Netzwerks, fasst Dr. med.
Johannes Schenkel, wissenschaftlicher
Leiter der TEMPiS-Studie die Ergebnisse
des Projektes zusammen. Vor allem Telekonsile
haben die Entscheidungssicherheit der
behandelnden Ärzte erhöht
(siehe Interview Dr. Schenkel).
Alles
was Recht ist
Rechtlich wird in der Telemedizin vielfach
Neuland betreten. Einen Patienten nur
über das Telefon oder das Internet
zu behandeln, sei standesrechtlich nicht
zulässig, mahnt Dr. Schütze.
Das lässt sich aus der Musterberufsordnung
ableiten. Dagegen ist es unbedenklich,
einen Telemediziner hinzuziehen, um
eine zweite Meinung oder eine Beurteilung
eines Befundes einzuholen. Um hierbei
auch die Haftungsfrage abzusichern,
seien beim Schlaganfallprojekt TEMPiS
zwischen allen Beteiligten Verträge
geschlossen worden, betont Wolfgang
Loos von der Deutschen Gesellschaft
für Telemedizin (siehe Interview
Loos).
Auch
Fragen zur Abrechnung telemedizinischer
Leistungen sind noch weitgehend ungeklärt.
Wir arbeiten derzeit an einem
Konzept, wie man telemedizinische Leistungen
als DRGs abbilden kann, erklärt
Dr. Schenkel. In der ambulanten Patientenversorgung
übernehmen private Krankenversicherer
in der Regel die Kosten für ein
Telemonitoring, beispielsweise des Blutdrucks.
Für gesetzliche versicherte Patienten
könne die erbrachte Leistung bis
jetzt nur im Rahmen von IGeL abgerechnet
werden, abgesehen von der schon länger
etablierten telemetrischen Schrittmacherkontrolle,
fasst Prof. Middeke den jetzigen Stand
zusammen.
Arzt
und Patient gewinnen Zeit
Dem Patienten erspart die Telemedizin
viel Zeit, ohne auf die Sicherheit einer
engen medizinischen Beobachtung verzichten
zu müssen. Auch der Arzt profitiert
von der Telemedizin: Er muss die Gesundheitsdaten
nicht im laufenden Betrieb auswerten.
Das schont angesichts überfüllter
Wartezimmer die Nerven.
Wie
die Patienten zur Telemedizin stehen,
zeigte eine Studie des Bundesinstituts
für Sozialforschung (BfS): 70 Prozent
der über 50-Jährigen Befragten
zeigten Interesse an Telemonitoring.
Auch in der senSAVE-Studie, initiiert
von der Fraunhofer-Gesellschaft, äußerten
70 Prozent der Patienten, sie würden
ein telemedizinisches Überwachungssystem
nutzen. Jeder Fünfte der Befragten
schränkte sein Interesse an der
innovativen Technik jedoch ein und äußerte
Skepsis. Er fürchtete, dass seine
Daten von Unbefugten gelesen werden.

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