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Substitutionstherapie

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Substitutionstherapie

Der risikoreiche Missbrauch von psychotropen Substanzen, einschließlich schwerer Suchterkrankungen, ist in den Industrienationen noch immer ein schwerwiegendes Problem.

Substitutionstherapie,Drogenmissbrauch,Opiatabhängigkeit,Drogensucht,Heroinabhängigkeit,


Einstieg zum Ausstieg:
Substitutionstherapie für Opiatabhängige
Ein Drittel der gesamten Kosten im deutschen Gesundheitswesen wird für die Behandlung von Abhängigkeiten ausgegeben.

Auch wenn die Zahlen für die harten Drogen dabei mit den geschätzten 250.000 bis 300.000 Abhängigen gegenüber der weitgreifenden Designerdrogenproblematik und neben den rund 17.800.000 Nikotinsüchtigen und 10.000.000 Alkoholabhängigen aus dem Blickwinkel der öffentlichen Gesundheit fast unbedeutend erscheinen, so birgt doch gerade die klassische "harte" Droge, das Heroin, eine besondere Problematik. Gründe hierfür sind vor allem die Drogenkriminalität, die Applikationsart, die ein hohes Infektionsrisiko trägt, und die psychosozialen Auswirkungen der Sucht. Hinzu kommt, dass die rund 2.000 Menschen, die jährlich in Deutschland durch Drogen den Tod finden, zu 80 Prozent an akuten Mischintoxikationen unter Beteiligung eines oder mehrerer Opioide sterben. Die anderen 20 Prozent werden von tödlichen Unfällen unter Drogeneinfluss bestritten, von Suiziden aufgrund der Lebenssituation, sowie von Todesfällen aufgrund von Drogenfolgekrankheiten wie AIDS oder Hepatitis. Auch hier spielen Opioide eine nicht unbedeutende Rolle.

Sie suchen die Freiheit und werden abhängig
Heroin, pharmakologisch als Diacetylmorphin bezeichnet, leitet sich vom Hauptalkaloid des Opiums ab, vom Morphin, und zählt damit zur Gruppe der Opiate (Morphinabkömmlinge). Sie wirken über Opiatrezeptoren (µ-Rezeptoren), an die auch die körpereigenen Opioide, die Endorphine binden. Konzentration und Aufmerksamkeit lassen nach, Gelassenheit und Glücksgefühle nehmen zu.

Das, wonach die meisten bei der Heroineinnahme suchen, ist der charakteristische "Anfangs-Rush", mit großer Euphorie, Halluzinationen und Angstlösung. Die "Bewusstseinserweiterung". Nach längerer Einnahme aber kommt es, je nach Dosis und Dauer der Abhängigkeit, zu einem mehr oder weniger ausgeprägten Entzugssyndrom, das die Euphorie schnell in den Schatten stellt. Die Betroffenen werden depressiv, unruhig und reizbar, beginnen zu zittern, zu schwitzen und zu frieren, leiden unter Tränenfluss, Fieber und Schlafstörungen, unter erhöhtem Blutdruck sowie erhöhter Atem- und Pulsfrequenz. Später müssen die Abhängigen unter dem Entzug erbrechen, leiden unter Durchfall, Muskelkrämpfen, Schocksymptomen und Blutzuckererhöhung. Erste Anzeichen machen sich bei manifester Sucht bereits nach vier bis sechs Stunden bemerkbar. Nach 32 bis 72 Stunden erreichen die Entzugserscheinungen ihren Höhepunkt.

Drogenkriminalität und Verwahrlosung
Die seelischen und körperlichen Qualen unter dem Entzug lassen ein kaum zu ertragendes, intensives Verlangen nach der Droge entstehen. Der permanente Beschaffungsstress von Geld und "Stoff" und die ständige Gefahr, polizeilich auffällig zu werden, veranlasst viele Opiatabhängige schließlich, sich gesundheitlich zu vernachlässigen. Unterernährung, schlechte Hygiene und Infekte führen zu einem schlechten körperlichen Allgemeinzustand, teils mit Abszessen und erheblichen Zahnproblemen. Weil viele Abhängige versuchen, zur Überbrückung auf andere Drogen zurückzugreifen, drohen komplexe Abhängigkeiten, die sogenannte Polytoxikomanie. Zusammen mit der sozialen Entgleisung, mit zunehmender Arbeitsunfähigkeit, ist die Beschaffungskriminalität, mit Diebstählen, Prostitution, Einbrüchen und Zwischenhandel die unweigerliche Folge.
Hinzu kommt, dass Hektik und Gier bei der Substanzeinnahme elementare hygienische Regeln vergessen lassen. Während das Heroin selbst nicht organtoxisch ist, kommt es über verschmutzte Injektionsbestecke zur Übertragung von AIDS- und Hepatitis-Viren. Eine frühzeitige Substitutionstherapie bedeutet hier entsprechende Prävention.

Substitution bietet die Möglichkeit zur Umkehr
Die komplexe Suchtproblematik erfordert besondere Strategien für die Behandlung und Wiedereingliederung der Patienten. Die sogenannte Substitutionstherapie bietet derzeit den Betroffenen die besten Chancen, mittel- bis langfristig eine stabile Drogenabstinenz zu erreichen. Das führte auch in Deutschland in den letzten Jahren (endlich) zur rechtlichen und medizinischen Etablierung der Therapie. Das verordnete Substitutionsmittel verhindert dabei das Auftreten von Entzugssymptomen und Drogenverlangen und ermöglicht mit dem entsprechenden Rahmenprogramm so zunächst die medizinische, berufliche und soziale Rehabilitation.

In Deutschland zur Substitution zugelassen sind laut BtMVV Zubereitungen von
Levomethadon
Methadon oder
Buprenorphin,
sowie zur Substitution zugelassene Fertigarzneimittel wie z.B. L-Polamidon® Lösung zur Substitution, oder
in begründeten Ausnahmefällen, Codein oder Dihydrocodein.
Die Umkehr des klassischen Rehabilitationsmodels – Abstinenz hier nicht als Voraussetzung, sondern als Konsequenz der Therapie – trägt der Tatsache Rechnung, dass viele Patienten körperlich und auch aufgrund vorbestehender oder durch die Sucht sekundär entwickelter psychiatrischer Komorbiditäten nicht in der Lage sind, bereits zu Beginn einer Therapie Abstinenz von Opiatagonisten durchzuhalten.

Viele Opiatabhängige haben ernsthaft, aber ohne Erfolg versucht, der Droge zu entsagen, haben sich in der Klinik freiwillig Entzugsbehandlungen unterworfen. Und das, obwohl auch der "klassische" Entzug ohne Substitution neben der medikamentösen Linderung der Entzugssymptome, die notwendige psychosoziale Betreuung bietet. Dass eine Substitutionsbehandlung weitestgehend zu einer Normalisierung endokrinologischer und neurophysiologischer Auffälligkeiten von Heroinabhängigen führt, mag eine von vielen Erklärungen für den Erfolg der Substitutionsstrategie sein (Chescher GB: Understanding the opioid analgesis and their effects on skills performance. Alcohol, Drugs and Driving 1989).

Suchtmittelfreiheit bleibt das oberste Ziel
Laut Bundesministerium für Gesundheit zählt Deutschland derzeit etwa 120.000 bis 150.000 Heroinkonsumenten, andere schätzen die Zahlen auf 150.000 bis 200.000. Rund die Hälfte der Abhängigen befindet sich in einer drogenfreien ambulanten sowie stationären Maßnahme oder in einer Substitutionstherapie. Im Jahr 2002, so der aktuelle Drogen- und Suchtbericht des Bundesministeriums, wurden zur Substitution in Deutschland rund 32.000 Betroffene mit Methadon, 10.000 mit Levomethadon, 3.700 mit Dihydrocodein und 500 mit Buprenorphin behandelt.

Natürlich ist die Suchtmittelfreiheit auch bei der Substitutionstherapie das oberste Ziel, so steht es in den Richtlinien der Bundesärztekammer. Mit der Substitutionstherapie aber kann der für diese Unabhängigkeit notwendige Wachstumsprozess des Einzelnen auf eine soliden Basis gestellt werden. Die gesundheitliche und soziale Stabilisierung und die berufliche und soziale Rehabilitation geben den Patienten die Kraft für den klinischen Entzug und auch für die innere Entscheidung, der Droge zu entsagen.

Zunächst einmal aber sichert die kontrollierte Substitution das Überleben des Süchtigen. Er ist nicht mehr der Infektionsgefahr durch verschmutzte Injektionsbestecke ausgesetzt, die Beschaffungskriminalität fällt weg, die Suizidrate sinkt und er wird zugänglich für Therapien zur gesundheitlichen Rehabilitation. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass das Mortalitätsrisiko bei Opiatabhängigen durch die qualifizierte substitutionsgestützte Behandlung um 50 bis 70 Prozent gesenkt werden kann (Gastpar, Heinz, Poehlke, Raschke: Substitutionstherapie bei Drogenabhängigkeit. Springer Verlag Berlin-Heidelberg, 2003).

Kassenärztliche Leistung
Diese Senkung des Mortalitätsrisikos stellt letztlich auch die Grundlage für die Bewertung der Substitution in den Richtlinien der Bundesärztekammer und in den BUB-Richtlinien dar. Die manifeste Opiatabhängigkeit ohne weitere Begleiterkrankungen genügt für die Durchführung einer substitutionsgestützten Behandlung als kassenärztliche Versorgungsleistung. Die Richtlinien der Bundesärztekammer (wie übrigens auch das Betäubungsmittelgesetz) stellen aber auch Mindestanforderungen an die suchtmedizinische Qualifikation des behandelnden Arztes. Und aus gutem Grund bewerten sie auch die kontinuierlich begleitende psychosoziale Betreuung als mitentscheidend für den Erfolg der Substitutionstherapie. Geeignete interdisziplinäre Kooperationen während der Behandlung beziehungsweise die Überweisung an spezialisierte Suchtkliniken sind daher Voraussetzung für eine qualitätsgesicherte Therapie.


 

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