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Anti-Aging-Medizin
Realität und Fiktion
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Anti-Aging-Medizin
Realität und Fiktion
Die Wissenschaft vom Altern steht noch am Anfang
Neben den konventionelle Methoden des Anti-Aging,
wie gesunde Ernährung, angepasstes körperliches
Training, geistige Beweglichkeit und soziale
Kommunikation, werden zusätzliche Methoden
kontrovers diskutiert, die sich vor allem in
den USA seit geraumer Zeit großer Beliebtheit
erfreuen: die Anwendung von Hormonen (DHEA,
Melatonin, Testosteron, Wachstumshormon), Vitaminen,
so genannten Radikalenfängern und anderen
Substanzen.
Für den alternden Mann wurden verschiedene
neue Konzepte vorgestellt, um analog
zur postmenopausalen Hormonsubstitution der
Frau das männliche Klimakterium,
die Andropause oder, wie es neuerdings
genannt wird, das partielle Androgenmangel-Syndrom
(Partial Androgen Deficiency of the Aging Male
= PADAM) zu therapieren. Aus ärztlich-berufspolitischer
Sicht entsteht hier ein neuer Markt für
medizinische Wunschleistungen, die interessierten
Patienten als Selbstzahlern angeboten
werden können.
Vorstellungen, das Altern durch allerlei Mittelchen
aufhalten zu können, sind nicht neu. Sie
gipfelten letztlich im uralten Menschheitstraum
vom Jungbrunnen, wie er sich in
der klassischen Malerei wieder findet. Die Anti-Aging-Medizin
kann diesen Wunschtraum nicht erfüllen.
Sie kann allenfalls medizinisch begründete
Maßnahmen bereitstellen, die zur Gesunderhaltung
beitragen und frühzeitig das Entstehen
alterstypischer Erkrankungen verhindern oder
zumindest abschwächen sollen. Darauf richten
sich definitionsgemäß die Bemühungen
der vor einigen Jahren gegründeten German
Society of Anti-Aging Medicine (GSAAM).
Zur Aufgabe dieser neuen Gesellschaft sollte
es gehören, die Spreu vom Weizen auf diesem
nicht unumstrittenen Teilbereich moderner Medizin
zu trennen.
Allzu euphorischen Vorstellungen über künftige
Chancen des Anti-Aging sollte man ein Zitat
von Bernard Shaw gegenüberstellen: Do
not try to live forever. You will not succeed.
Das Phänomen des Alterns ist bisher aus
wissenschaftlicher Sicht auf sehr unterschiedliche
Weise wahrgenommen worden. Statt es in seiner
transdisziplinären Ganzheit zu erfassen,
beschäftigen sich damit eine Vielzahl von
Disziplinen wie Geriatrie, Gerontopsychiatrie,
anthropologische Gerontologie, psychologische
Gerontologie, Psychogeriatrie, Biogerontologie,
Cytogerontologie, Neurogerontologie und Gerontolinguistik.
Alle diese Disziplinen befassen sich mit Teilaspekten
des Alterns, sie mehren das Wissen in Teilbereichen,
drohen jedoch auch den Gegenstand all dieser
wissenschaftlichen Bemühungen, den alten
und alternden Menschen in seiner Gesamtheit
aus den Augen zu verlieren. Die vordergründig
anwendungsorientierte Anti-Aging-Medizin wiederum
fußt und operiert teilweise auf sehr wackeligem
wissenschaftlichem Fundament und muss ihre Dignität
erst noch nachweisen.
Unbestritten ist zunächst die Tatsache,
dass die Menschen in den Industrieländern
zunehmend ein höheres Lebensalter erreichen.
Am Beispiel der steigenden Zahl der Hundertjährigen
ist das zu demonstrieren. Aus einer offiziellen
UNESCO-Statistik über die Entwicklung der
Langlebigkeit in Frankreich geht hervor:
Im
Jahr 1950 gab es in Frankreich 100 Personen
im Alter über 100 Jahren.
Im Jahr 1998 war die Zahl auf 1.500 angestiegen.
Für das Jahr 2050 wird mit einer Zahl
von ca. 150.000 Menschen gerechnet, die in
Frankreich über 100 Jahre alt werden
(was einem Anstieg um das 100fache in 50 Jahren
entspricht).
Prof.
Paul B. Baltes, Direktor am Max-Planck-Institut
für Bildungsforschung in Berlin, steuert
ähnliche Zahlen aus der deutschen Hauptstadt
bei:
Im
Jahr 1990 gab es in Berlin 227 Hundertjährige.
Im Jahr 1999 waren es fast viermal mehr, nämlich
828.
Hochgerechnet ist für das Jahr 2010 bereits
mit fast 2.500 Hundertjährigen in Berlin
zu rechnen.
Für
ganz Deutschland existieren Hochrechnungen,
wonach mit über einer Million hundertjähriger
Menschen im Jahr 2050 in unserem Lande zu
rechnen sein wird. Angesichts dieser Inflation
eines früher seltenen Ereignisses erheben
sich die Fragen:
Wo
liegt die biologische Grenze dieser progredienten
Lebenserwartung?
Wie alt kann der Mensch maximal werden und
wie erlebt er dieses Altern?
Nach
verschiedenen demographischen Erhebungen in
Schweden, Belgien und Finnland treffen allzu
optimistische Vorstellungen, dass der Homo
sapiens ein Alter von bis zu 150 Jahren und
mehr erreichen könnte, nicht zu. Heute
wird von einer maximalen Lebensspanne von
112 bis 115 Jahren ausgegangen.
Möglicherweise gibt es extrem seltene
Ausnahmen. Nach einer Agenturmeldung ist im
März dieses Jahres in Mexiko die weltweit
bisher älteste Frau im Alter von 124
Jahren gestorben: Maria Etelvina Dos Santos,
eine laut offizieller Geburtsurkunde am 15.
Juli 1878 geborene Nachkommin afrikanischer
Sklaven, die 5 Enkel, 26 Urenkel, 39 Ururenkel
und 5 Urururenkel hinterlassen haben soll.
Für die in der Vergangenheit häufig
zitierten mythischen Uralt-Kaukasier gibt
es bekanntlich keine wissenschaftlich haltbare
Basis. Der amerikanische Statistiker D. Zeltermann
hat errechnet, dass man erst bei einer Zahl
von 200 Millionen über 100-jähriger
Frauen mit statistischer Sicherheit auf eine
Frau treffen würde, welche das Alter
von 115 Jahren erreicht.
Es stellt sich die Frage: Ist Altern Ausdruck
eines evolutions-genetischen Programms oder
ist Altern einfach die Manifestation von Schäden
und Abnutzungserscheinungen, die sich im Laufe
eines Lebens ansammeln?
Im Falle eines evolutionär und genetisch
festgelegten Pogramms wäre Altern wohl
irreversibel, während man sich auf der
Basis so genannter Schädigungstheorien
zumindest noch Hoffnung auf eine Verzögerung
des Alterungsprozesses machen könnte.
Offensichtlich ist Altern in hohem Maße
bestimmt durch den Verlust an Homöostase-Fähigkeit
infolge versagender Adaptation. Der Molekularbiologe
Prof. Holger Höhn hat im Dezember 2000
auf einem Max-Planck-Forum über biomolekulare
Aspekte des Alterns aus genetischer Sicht
als besonders relevant den Verlust der DNA-Homöostase
genannt, den Verlust der Stabilität des
menschlichen Genoms mit zunehmendem Alter.
Die maximale Lebensspanne wird demnach vom
Genom bestimmt, während die zu erreichende
durchschnittliche Lebenserwartung von Umweltfaktoren
abhängt. In dem kurzen Zeitraum des vergangenen
Jahrhunderts, in dem die durchschnittliche
Lebenserwartung ständig gestiegen ist,
hat sich an den Genen wohl nichts geändert,
viel jedoch an der Umwelt: Mit steigendem
Bruttosozialprodukt verbesserten sich die
Bedingungen für Ernährung, Ausbildung
und Arbeit; es verringerte sich gleichzeitig
die Kindersterblichkeit und die Mortalität
aufgrund therapierbar gewordener Infektionskrankheiten.
Erfolgreiches Altern kann nicht durch einseitige
Maßnahmen erreicht werden. Es kann nur
das Resultat einer individuellen Langzeitstrategie
sein, wie dies B. Lunenfeld in seiner präventiv
wirksamen Trias für ein erfolgreiches
Altern demonstriert hat
(Abb.1 ).

Abb.1
Warum
leben Frauen länger als Männer?
Für die Tatsache, dass Frauen durchschnittlich
länger leben als Männer, werden
heute weniger Umweltfaktoren als vielmehr
biologisch-genetische Faktoren ins Feld geführt.
Es existiert jedoch auch eine schwierig zu
definierende Gemengelage, wie an einem Beispiel
demonstriert werden kann: Der vor allem bei
jüngeren Männern vorhandene relative
Testosteron-Überschuss wirkt sich lebensverkürzend
aus, weil er mit einem risikoreicheren Lebensstil
verbunden ist. Hormonelle Unterschiede tragen
also erheblich dazu bei, dass im Alter von
20 bis 25 Jahren dreimal so viele Männer
wie Frauen zu Tode kommen.
Nach traditionellen Vorstellungen sind Frauen
vernünftiger, weniger aggressiv, rauchen
und trinken weniger, woraus letztlich eine
höhere Lebenserwartung resultiert. Wie
sich das in Zukunft gestalten wird, wenn Frauen
zunehmend einen eher männlichen Lebensstil
annehmen, muss zunächst offen bleiben.
Dass es jedoch eher biologisch-genetische
als Umweltunterschiede sind, die Frauen länger
leben lassen, ergibt sich aus einem Vergleich
der Lebenserwartungen zwischen Japanerinnen
und Schwedinnen. Obwohl die Lebens- und Umweltbedingungen
für Frauen in Schweden und Japan nicht
unterschiedlicher sein könnten, leben
Frauen in beiden Ländern sechs bis acht
Jahre länger als Männer.
Die Überalterung insbesondere der deutschen
Bevölkerung wird deutlich an dem kranken
deutschen Lebensbaum: Im Jahr
1910 noch eine stolze gesunde Tanne, verkommt
er bis zum Jahr 2040 voraussichtlich zu einer
Pappel mit recht schmaler Basis (Abb. 2).
Die durch zwei Weltkriege bedingten Einschnitte
und Geschlechtsunterschiede werden deutlich
in einer Detail-Version des deutschen Lebensbaums
(Abb. 3). Der bereits vorgeburtlich angelegte
Überschuss an männlichen Individuen
wandelt sich mit dem 50. Lebensjahr in einen
hochsignifikanten Frauenüberschuss (schwarze
Umrandung).

Abb.2

Abb.3
Alterskorrelierte
Krankheiten führen zum Tode
Es ist eine Erfahrungstatsache, dass Menschen
mit langlebigen Vorfahren in der Regel eine
höhere Lebenserwartung haben als Menschen,
deren Eltern frühzeitig gestorben sind.
So ist es plausibel, dass die individuelle
Lebenserwartung sowohl von genetischen als
auch von Umweltfaktoren abhängt. Dies
zeigt sich letztlich daran, dass ca. 90 Prozent
der häufigsten Alterserkrankungen offenbar
auf ein Zusammenspiel zwischen Genen und Umweltfaktoren
(vor allem Ernährung und Lebensweise)
zurückzuführen sind. Dem gegenüber
sind nur etwa 10 Prozent der häufigen
Alterskrankheiten (Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
Krebserkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen)
monogen bedingt, so dass Umweltfaktoren in
diesen Fällen allenfalls eine untergeordnete
Rolle spielen.
Evolutionsbiologisch lässt sich nach
H. Höhn die relative Häufigkeit
von genetisch bedingten und genetisch mitbedingten
Alterskrankheiten mit der fehlenden Selektion
gegen Gendefekte erklären, die sich erst
nach Abschluss der Reproduktion, also erst
in höherem Lebensalter, als Krankheit
manifestieren. Viele dieser spätmanifesten
Gendefekte folgen dem Prinzip der antagonistischen
Pleiotropie: Ein und dasselbe Gen hat in der
Jugend positive, im Alter hingegen negative
Auswirkungen.
Paradoxon
der antagonistischen Pleiotropie
Das Prinzip der antagonistischen Pleiotropie
wird als evolutionsbiologische Erklärung
für die Existenz einer Reihe von Erkrankungen
und Defekten des Menschen diskutiert (z.B.
Chorea Huntington, Morbus Alzheimer, Hämochromatose,
Osteoporose, Defekte des Immunsystems und
der Hormonproduktion). Die Auswirkungen dieses
biologisch-genetischen Phänomens hat
Höhn an einem Gendefekt demonstriert,
der zur familiären Hypercholesterinämie
führt:
Wenn ein junger Mensch aufgrund eines LDL-Rezeptordefekts
hohe Cholesterinwerte aufweist, schadet ihm
das zunächst nicht. Da Cholesterin der
Ausgangsbaustein für die Fettstoffe (Lipidbilayer)
aller Zellmembranen und Nervenzellausläufer
ist, verfügt ein junger Mensch mit hohen
Cholesterinwerten vielleicht sogar über
stabilere Zellwände und Nervenzellen.
Gleichzeitig ist Cholesterin auch Ausgangsbaustein
für die Steroidhormone, zu denen auch
die Sexualsteroide gehören. Eine bessere
Hormonsituation ist verbunden mit vermehrter
Reproduktion, also einem evolutionsbiologischen
Vorteil. So würde also ein junger Mensch
mit hohem Cholesterinwert über eine erhöhte
körperliche wie reproduktive Fitness
verfügen.
Die Kehrseite des Phänomens weist jedoch
auf schwerwiegende Folgen hin: Wenn der hohe
Cholesterinspiegel über einen längeren
Zeitraum besteht, so begünstigt er die
Entstehung tödlich verlaufender Herz-Kreislauf-Erkrankungen
und bedingt so eine verkürzte Lebensspanne.
Die Krankheit manifestiert sich allerdings
erst, wenn die Nachkommen bereits gezeugt
sind, also das krankheitsauslösende Gen
bereits weiter gegeben worden ist. Der evolutionsbiologische
Sinn dieser antagonistisch-pleiotropen
Genwirkung könnte, so Höhn, darin
liegen, dass ältere Individuen als Nahrungskonkurrenten
für ihre so zahlreich gezeugten Nachkommen
möglichst rasch und effektiv ausgeschaltet
würden.
Das menschliche Genom wäre demnach angelegt
auf eine bemerkenswerte Ökonomie: Mit
ein und demselben Gen werden in der Jugend
positive, im Alter negative Effekte bewirkt.
Das zeigt auch die Grenzen propagierter Gentherapie
bzw. Genchirurgie auf: Es wäre
außerordentlich problematisch, bestimmte
krankheitsverursachende Gene aus dem Genom
zu entfernen, da viele dieser Gene dem Prinzip
der antagonistischen Pleiotropie folgen und
in der Jugend des Menschen für körperliches
Wohlergehen und Fitness unentbehrlich sind.
Genetische Komponenten von Alterungsprozessen
und Lebenserwartung sind außerordentlich
komplex und vielschichtig. Außergewöhnliche
Langlebigkeit beim Menschen beruht offenbar
weniger auf der Aktivität postulierter
Langlebigkeitsgene als auf der
Abwesenheit hochpenetranter deletärer
Genmutationen.
Caretaker-Gene
halten das Genom stabil, aber nicht immer
Mittlerweile sind eine Reihe von Genen identifiziert
worden, deren primäre Aufgabe es ist,
die Stabilität des menschlichen Genoms
zu überwachen und sicherzustellen. Diese
so genannten Caretaker-Gene erfüllen
ihre Aufgabe vermutlich durch die Erkennung
von DNA-Schäden und die Einleitung von
Reparaturprozessen bzw. von programmiertem
Zelltod (Apoptose), falls die eingetretene
Schädigung irreparabel ist.
Sie erfüllen ihre Aufgabe jedoch nicht
immer auf vollkommene Weise, vor allem mit
steigendem Alter des Organismus. So sind Schadenserkennung
und Schadensreparatur nicht 100-prozentig
verlässlich. Mit jeder DNA-Replikation
kommt es zusätzlich zu einer gewissen,
wenn auch geringen Fehlerrate. Das wird z.
B. deutlich am Anstieg von Punktmutationen
bei den Nachkommen älterer Väter,
deren Spermien im Vergleich zu denen jüngerer
Väter sehr viel mehr Synthese-Phasen
durchlaufen haben.
Im Gegensatz zu den somatischen Körperzellen
gelten für die Keimzellen besondere Bedingungen.
Als einzige Zellen des menschlichen Organismus
sind sie darauf angewiesen, DNA-Schäden
restlos aus ihrer DNA zu entfernen. Die als
crossing over bekannten Rekombinationen
zwischen den gepaarten homologen Chromosomen
während der Meiose dienen offenbar primär
der fehlerfreien Entfernung von Doppelstrangbrüchen,
wie H.L. Gensler bereits in den Achtzigerjahren
gezeigt hat. Als willkommener Nebeneffekt
ergibt sich die zufällige Mischung von
großelterlichen Genen, welche die Einzigartigkeit
jedes Menschen begründet.
Durch den Prozess dieser meiotischen Rekombination
verfügen die reifen Keimzellen wieder
über ein intaktes Genom und garantieren
so die potenzielle Unsterblichkeit der menschlichen
Keimbahn. Anders verhält es sich mit
den somatischen Zellen: Bei ihnen führt
die lebenslange Anhäufung von DNA-Schäden
zur Funktionsminderung und zum Zelltod.
Derzeit kann nur spekuliert werden, welche
Konsequenzen dies letztlich für die Aufsehen
erregenden Experimente mit dem reproduktiven
und therapeutischen Klonen hat. Die bisherigen
Erfahrungen (z.B. mit dem Schaf Dolly)
scheinen dafür zu sprechen, dass mit
dem Klonen vorzeitige Alterung, gehäufte
Missbildungen und Krankheiten des auf diese
Weise erzeugten Organismus verbunden sind.
Altern
unvermeidbar aufgrund irreversibler endogener
Prozesse
Für die zunehmende genetische Instabilität
während des Alterns sind neben variablen
exogenen Faktoren (z B . Strahlenbelastung,
Chemikalien, Virusinfektionen) vor allem zwei
konstante endogene Faktoren verantwortlich:
die
Thermoinstabilität der menschlichen DNA
bei 37 Grad Körpertemperatur,
die
Erzeugung von reaktiven Sauerstoffspezies
(so genannten freien Radikalen).
Bei einer Körpertemperatur von 37 Grad
kommt es innerhalb von 24 Stunden in jeder
Körperzelle zu erheblichen Veränderungen
der DNA durch Basenverluste, Basenveränderungen,
Strangbrüche und Adduktbildungen. Theoretisch
ließe sich die DNA-Schädigung durch
eine Absenkung der Körpertemperatur auf
34 Grad und weniger drastisch verringern,
womit eine Lebensspanne von 200 und mehr Jahren
ermöglicht würde. De facto ist jedoch
eine permanente Absenkung der Körpertemperatur
unvereinbar mit dem Funktionieren aller menschlichen
Enzymsysteme, die sich im Laufe der Evolution
auf der Basis einer Körpertemperatur
von 37 Grad optimiert haben.
Mit oxidativem Stress durch freie Radikale
sind vor allem degenerative Erkrankungen des
ZNS (senile Makuladegeneration, Morbus Alzheimer,
Morbus Parkinson) in Verbindung zu bringen.
Eine vermehrte Bildung freier Radikale spielt
jedoch auch eine wichtige Rolle bei der Auslösung
von Mutationen, die direkt (durch Versagen
von Gatekeeper-Genen) oder indirekt (durch
Versagen von Caretaker-Genen) zur Entstehung
von Krebskrankheiten führen.
Mehr
oder weniger plausible Strategien gegen vorzeitiges
Altern
Mit unterkalorischer Ernährung kann bei
vielen Tierarten eine Verlängerung der
Lebensspanne und eine niedrigere Erkrankungsrate
erreicht werden, wie in Tierexperimenten gezeigt
worden ist. Es ist vorgeschlagen worden, einen
solchen FdH-Effekt auch als Mittel
gegen vorzeitiges Altern des Menschen einzusetzen
unter dem Motto: Wer lange hungert,
lebt lange. Längerfristiges Hungern
kann allerdings auch unerwünschte Effekte
haben, weil z.B. der Blutdruck, der Blutzuckerwert
oder die Leukozytenzahl durch permanente Verringerung
der Kalorienzufuhr zu stark gesenkt würde.
Ein anderer Vorschlag zielt auf die vermehrte
Zufuhr so genannter Radikalenfänger (Scavenger-Systeme),
zu denen z.B. eine Reihe von Vitaminen und
andere Anti-Aging-Pillen gezählt werden.
Solche so genannten Nahrungsergänzungsstoffe,
wie sie seit langem vor allem in den USA in
großer Zahl konsumiert werden, sind
nach der Einschätzung von H. Höhn
allenfalls wenn überhaupt
sinnvoll in Stress- und Krankheitssituationen
bzw. bei defizienter Ernährung. Erheblich
kritischer sieht er den Einsatz verschiedener
Hormone, der im Rahmen der Anti-Aging-Medizin
vorgeschlagen wird (Wachstumshormon, DHEA,
Melatonin, Testosteron). Gewarnt wird vor
allem vor unkontrolliertem Einsatz von Wachstumshormon,
weil dadurch potenzielle Krebszellen in ihrem
Wachstum gefördert werden können.
Eine Lebensverlängerung erscheint andererseits
prinzipiell möglich durch eine Verbesserung
der DNA-Reparaturprozesse mittels gentechnischer
Verfahren. Da jedoch zur Schadenserkennung
und DNA-Reparatur eine Vielzahl von Genen
benötigt wird, erscheint es wenig realistisch,
dass auf solche Weise das menschliche Leben
tatsächlich verlängert werden kann.
Jeder gentechnische Eingriff würde die
in Hunderten von Millionen Jahren gewachsene
Homöostase, die Harmonie zwischen den
einzelnen Organsystemen, Zellsystemen und
metabolischen Prozessen des komplexen menschlichen
Organismus empfindlich stören und gefährden.
Für so genannte Alterungsgene, wie sie
bei Drosophila oder beim Fadenwurm C. elegans
entdeckt worden sind, gibt es keine Entsprechung
in hoch entwickelten Säugetierorganismen.
Da beim Menschen nicht nur einige wenige Gene,
sondern eine Vielzahl von Genaktivitäten
am Alterungsprozess beteiligt sind, gehören
Vorstellungen, durch Eingriffe an postulierten
Alterungsgenen in den Bereich
von Science Fiction. Auch Berichte über
ein Langlebigkeitsgen (angeblich
ausgemacht auf dem menschlichen Chromosom
Nr. 4) sind mit Vorsicht zu genießen.
Das Gen des Lebens, das vor acht
Jahren Schlagzeilen gemacht hat, gibt es nicht.
Vielmehr bestimmt allein das Zusammenspiel
vieler Gene unter wechselnden Umweltbedingungen
sowie die Präsenz oder die Abwesenheit
krankheitsauslösender Genmutationen die
individuelle Lebenslänge des Menschen.
So sind nach Höhn aus genetischer Sicht
letztlich drei Faktoren für ein gesundes
Altern erforderlich:
Gute
Umweltbedingungen, wie sie die privilegierten
Bewohner der Industriestaaten mehrheitlich
genießen;
eine
möglichst geringe Zahl von schädlichen
Genveränderungen, die jedoch nicht retrospektiv
herbeigeführt werden kann, sondern nur
prospektiv durch die Auswahl sehr langlebiger
Vorfahren;
eine
moderate Lebensweise, wie sie häufig
bei hundertjährigen Menschen vorgefunden
wird.
An erster Stelle des Rezeptes für
Langlebigkeit der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität
steht die regelmäßige körperliche
Bewegung. Zumindest 2.500 bis 3.000 Kilokalorien
sollten wöchentlich durch Ausdauertraining
und Krafttraining verbraucht werden. Erst
an zweiter Stelle folgt eine ausgewogene Ernährung,
die arm an Fett und reich an Obst und Gemüse
sein soll. Zu vermeiden sind Überernährung,
Rauchen, überhöhter Konsum von Genussmitteln
und übermäßige Exposition
gegenüber Sonnenbestrahlung. Moderater
Alkoholkonsum gilt nicht als schädlich,
sondern eher gesundheitsfördernd. Wichtig
ist in jedem Falle reichliche Flüssigkeitszufuhr
in Form von nicht-alkoholischen und nicht
koffeinhaltigen Getränken.
Im Sinne der Feststellung des individuellen
biologischen Alters werden heute
vielfach so genannte Vitalitäts-Checks
angeboten. Über Sinn und Zweck solcher
aufwändiger Untersuchungen bestehen allerdings
erhebliche Meinungsunterschiede.
Erfolge
durch Einsatz geeigneter Medikamente
Vielversprechend sind die bisherigen Daten
über den Langzeitgebrauch von Präparaten
zur Blutdrucksenkung, von Gerinnungshemmern
und Lipidsenkern (Statinen). Der bestimmungsgemäße
Einsatz dieser Medikamente dürfte in
hohem Maße die seit ca. 30 Jahren rasch
zunehmende Zahl von hochbetagten Menschen
erklären. Der Einsatz von Sexualhormonen
ist teilweise noch umstritten. Es mehren sich
jedoch Hinweise z.B. auf die neuroprotektive
Rolle von Estrogenen.
Eine Reihe epidemiologischer Studien deuten
darauf hin, dass sowohl das Risiko als auch
die Verzögerung von Ausbruch und Progression
bei Morbus Alzheimer und Schizophrenie durch
Substitution von Estrogen verringert werden
könnte. Estrogene üben offensichtlich
einen modulierenden Einfluss auf verschiedene
neuronale Prozesse (Überleben von Nervenzellen,
Kontakt von Nervenzelle zu Nervenzelle, Regeneration,
Neuroentwicklung und Lernprozesse) aus. Vor
diesem Hintergrund ist auch die Entwicklung
spezifischer so genannter SERMs (Selektive
Estrogen Rezeptor Modulators) zu sehen.
Verschiedenen
Alternsformen Rechnung tragen
In der Berliner Altersstudie wurden insgesamt
sieben verschiedene Alternsformen ausgemacht,
die sich beim Einzelnen in individueller Auswahl
und Abfolge aneinander reihen. Sie reichen
vom fröhlich, fit und aktiven über
den zufriedenen, kontemplativen Menschen bis
hin zum missmutig enttäuschten und abhängig
schwachen Menschen. Dem sollte auch die gesellschaftliche
Wahrnehmung des Alterns, des alternden Menschen,
gerecht werden.
Die Entwicklungspsychologin Ursula Staudinger
hat es als unverantwortlich bezeichnet, bei
der Hinzufügung von 30 Jahren, also der
Quantität, stehen zu bleiben und sich
nicht mit der Qualität dieser zusätzlichen
Lebensjahre zu beschäftigen. In der Ausgestaltung
dieser gewonnenen Lebensjahre sieht sie die
Zukunft des Alterns. Gesellschaft, Wissenschaft
und der Einzelne müssten in diesem Sinne
zusammenarbeiten.
Der Wunsch des Menschen, möglichst lange
jugendliche Spannkraft aufrecht zu erhalten,
heute formuliert als Anti-Aging,
sollte nicht mit dem Stichwort Jugendwahn
diskreditiert werden, hat Staudinger betont.
Es geht letztlich darum, wie dies amerikanische
Gerontologen schon vor Jahren postuliert haben,
not to add years to life, but to add
life to years.

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